„Die Behandlung von Dehiszenzen erfordert Zeit und Geduld.“

Membranexposition: Komplikation oder nicht?
Dr. Amely Hartmann · Germany · 13. Oktober 2022
Dr. Amely Hartmann, Fachzahnärztin für Oralchirurgie, über Membranexposition nach Knochenaugmentation mit Yxoss CBR®

Frau Dr. Hartmann, beginnen wir mit einer häufigen Frage: Wie vorhersagbar sind Implantate, die in regenerierten Knochen mittels 3-D-Mesh-Technik inseriert werden? 

Dr. Hartmann: Die Implantate sind sehr vorhersagbar. Verschiedene Studien zeigen, dass die Implantatinsertion in 100 % der Fälle mit einer Überlebensrate von fast 98% nach 5 Jahren Nachbeobachtung möglich ist2-5. Das überrascht nicht: Die Implantate werden in vitalen, vom Patienten selbst regenerierten Knochen gesetzt. In der Praxis sieht man die Stabilität und Vitalität des Knochenvolumens sehr deutlich beim Inserieren. 


Spielt die Ätiologie der Defekte eine Rolle für den Erfolg? 

Nach meiner Erfahrung spielt die Ätiologie keine entscheidende Rolle. Narben früherer Eingriffe können jedoch die Weichgewebsbehandlung erschweren. 


Dennoch: Dehiszenzen sind eine mögliche Komplikation bei großen Knochenaugmentationen mit Yxoss CBR® … 

Kein Verfahren in diesem komplexen Bereich ist ohne Nachteile. Die Morbidität ist mit Yxoss CBR® jedoch geringer als bei Entnahme von Knochenblöcken aus intra- oder extraoralen Entnahmestellen oder vom Beckenkamm. Expositionen treten in 20–30% der Fälle auf, aber wir konnten zeigen, dass dies weder die Implantatüberlebensrate noch die Langzeitergebnisse negativ beeinflusst. 


Was bedeutet das konkret? 

Ein wesentlicher Faktor ist der Zeitpunkt der Exposition.5

  • Frühe Exposition (innerhalb der ersten 4 Wochen): meist durch falsches Weichgewebsmanagement, zu starke Spannung bei der Naht oder unzureichenden Schutz durch eine Verbandsplatte (Saugschiene). Um dies zu vermeiden, sollte die Wunde spannungsfrei verschlossen werden. Ich setze stets zusätzliche tiefe resorbierbare Nähte. Tritt eine frühe Exposition auf, sehen wir die Patient:innen engmaschiger (z. B. wöchentlich) und reinigen die Stelle vorsichtig mit Kochsalzlösung, ohne die Heilung zu stören.
  • Späte Exposition: häufig mechanisch bedingt – die Patient:innen fühlen sich schmerzfrei und werden während der Heilungsphase unvorsichtig. Hier verordne ich 0,05–0,1% Chlorhexidinlösung zur Selbstdesinfektion. 

Wenn eine Exposition eingetreten ist – wann abwarten, wann eingreifen? 

Eine Exposition bedeutet nicht automatisch eine Komplikation. Natürlich wünschen wir uns keine, aber ich persönlich reagiere ohne Panik. Übereiltes erneutes Nähen oder Entfernen des Meshes schadet oft mehr. Geduld ist gefragt. Wichtig ist nur, Infektionen sofort zu behandeln. 


Wie sprechen Sie das Thema Exposition mit Patient:innen an? 

Man muss sie vorab aufklären: Es gibt immer ein Restrisiko. Sollte es auftreten, behalten wir die Situation unter Kontrolle. Es erfolgen engmaschigere Kontrollen, und Patient:innen sollen sich jederzeit melden können. Diese Transparenz schafft Sicherheit. 


Lässt sich das Risiko einer Exposition reduzieren? 

Ja, eindeutig. Das Risiko hängt stark von der chirurgischen Erfahrung und der konsequenten Protokolltreue ab.1 Heute habe ich wesentlich weniger Expositionen als am Anfang. Mein Vorgehen: zweischichtiges Nahtschema (zuerst resorbierbare, dann nicht resorbierbare Nähte, immer spannungsfrei), Abdeckung des Meshes mit Geistlich Bio-Gide® und zusätzlich eine Verbandsplatte. Ebenso wichtig ist die Beachtung der Weichgewebsbiologie und -durchblutung. Unser Standardprotokoll kombiniert Geistlich Bio-Oss® mit autologem Knochen im Verhältnis 1:1. 


Wann hatten Sie zuletzt eine Exposition? 

Vor drei Monaten, im augmentierten Oberkiefer. Wir hielten die Situation über ein halbes Jahr unter Kontrolle, ohne Infektion und ohne relevanten Knochenverlust nach Mesh-Entfernung. Die Implantate konnten wie geplant inseriert werden. Bei schweren Infektionen verschreibe ich Antibiotika, meist reicht jedoch eine Reinigung des Meshes. Kommt es zu mehr Knochenverlust, gleiche ich diesen mit Geistlich Bio-Oss® Granulat aus. 


Gibt es Situationen, in denen man sofort handeln muss? 

Ja – z. B. bei Infektionen oder starker Nahrungsimpaktion. Dann spüle ich mit Kochsalzlösung und verschreibe Antibiotika. Ich habe jedoch noch nie ein Mesh allein aufgrund der Exposition entfernt. Bei Exposition plus Entzündung kann es zu teilweisem Knochenverlust kommen, meist nur in geringem Ausmaß. Nach Entfernung des Meshes reicht dann eine kleine GBR zur Angleichung.6 Die häufigsten Fehler sind erneutes Nähen, zu frühes Re-Opening oder voreilige Entfernung des Meshes. 


Gilt „Geduld“ auch bei anderen Expositionsszenarien als Yxoss CBR®? 

Ich erinnere mich an Fälle mit Blockaugmentationen. Bei Knochenblöcken ist die Revaskularisierung erschwert, ein Verlust wahrscheinlicher. Hier ist die Situation ernster und erfordert häufiger eine Intervention. 


Referenzen

  1. Hartmann A, et al.: Clin Implant Dent Relat Res. 2021; 23(1):3-4. (klinische Studie)
  2. Hartmann A, Seiler M.: BMC Oral Health. 2020; 20(1):36. (klinische Studie)
  3. Hartmann A, et al.: Implant Dent 2019; 28:543-550. (klinische Studie)
  4. Sagheb K, et al.: Int J Implant Dent. 2017; 3(1):36. (klinische Studie)
  5. Chiapasco M, et al.: Clin Oral Implants Res. 2021; 32(4):498-510. (klinische Studie)
  6. Seiler M et al.: J Oral Sci Rehabil 2018; 4 (1/2018), 38-46. (klinische Studie)

Dr. Amely Hartmann

Oralchirurgin;
Privatpraxis Dr. Seiler und Kollegen, MVZ GmbH